Kompetenzorientierung

Der Kompetenzbegriff wird in der Literatur sehr vielfältig und unterschiedlich ausgelegt. Das ZMML folgt hier der Definition von Schaper & Hilkenmeier 2013 (Umsetzunghilfen für kompetenzorientiertes Prüfen. HRK-Zusatzgutachten im Projekt nexus, S.13):

"Kompetenz ist die individuelle Voraussetzung zur Lösung komplexer Aufgaben. Sie basiert auf kognitiven, motivationalen, volitionalen sowie sozialen Ressourcen, die in einem Lernprozess angeeignet werden müssen, um sie für die erfolgreiche Bewältigung von Umweltanforderungen einsetzen zu können."

 

Kompetenzorientierung in E-Klausuren

Kompetenzorientierte Prüfungsaufgaben legen die Beobachtung und Bewertung der Studierenden in authentischen, problemlöseorientierten Handlungssituationen nahe. Da die Handlungsspielräume in Klausuren stark eingeschränkt und artifiziell sind, können solche Situationen mit dieser Prüfungsform nicht oder nur unzureichend nachgestellt werden. Innerhalb eines curricularen Gesamtkonzeptes aber, das alle Dimensionen von Kompetenz abdecken sollte, können in Klausuren kognitive Ressourcen als wichtiger Teilaspekt abgebildet werden. Hierzu gehören Wissen und Fertigkeiten, die als notwendige Voraussetzungen für ein erfolgreiches und sozial verantwortliches Handeln erachtet werden. Auch Klausuraufgaben sollten dabei aber nicht nur isoliertes Wissen abfragen, sondern immer konkreten Lernzielen zugeordnet sein und möglichst im Kontext von Problemlösesituationen stehen (siehe unten). E-Klausuren erlauben zudem die Prüfung von praktischen Fertigkeiten im Umgang mit berufsrelevanten, digitalen Werkzeugen wie Anwendungssoftware, Datenbanken und virtuellen Laboren.

 

Tipps und Tricks zur Prüfung höherer Lernzielniveaus

  • Szenario-Fragen: Setzen Sie nach Möglichkeit jede Frage in einen authentischen, fach- bzw. berufstypischen Handlungsbezug. Szenarien können z.B. zu analysierende Untersuchungsergebnisse präsentieren, eine bestimmte Situation schildern (Fallstudie) oder ein Problem beschreiben. Komplexe Szenarien können als roter Faden für eine Serie ggf. aufeinander aufbauender Fragen dienen.
    Umsetzung einer klassischen Wissensfrage als Szenario (Case & Swanson 2002)
    Übliche Fragestellung Szenariotyp
    Acute intermittent porphyria is the result of a defect in the biosynthetic pathway for
    1. collagen
    2. corticosteroid
    3. fatty acid
    4. glucose
    5. heme
    6. thyroxine
    An otherwise healthy 33-year-old man has mild weakness and occasional episodes of steady, severe abdominal pain with some cramping but no diarrhea. One aunt and a cousin have had similar episodes. During an episode, his abdomen is distended, and bowel sounds are decreased. Neurologic examination shows mild weakness in the upper arms.

    These findings suggest a defect in the biosynthetic pathway for
    1. collagen
    2. corticosteroid
    3. fatty acid
    4. glucose
    5. heme
    6. thyroxine
    Häufig verwendete Form der Abfrage von Faktenwissen. Zu einer vorgegebenen Diagnose wird nach der Ursache gefragt. Die Lösung entspricht hier eher der beruflichen Praxis. Zu einer Reihe von Befunden muss die korrekte Ursache gefunden werden.
  • Verständnis statt Fakten: Fragen Sie auch beim Antwort-Wahlverfahren eher nach dem „Wie“ oder „Warum“ als nach dem „Was“ oder „Wer“. In einer Prüfung zur jüngeren Geschichte Deutschlands könnte man statt „Welche der folgenden Städte ist die Hauptstadt Deutschlands“ besser „Aus welchem der nachfolgend genannten Gründe ist heute Berlin die Hauptstadt Deutschlands?“ fragen.
  • Merkmalsanalyse: Erwägen Sie eine Umkehrung der gängigen Fragenlogik. Lassen Sie z.B. den korrekten Befund auf Grundlage einer Liste von Untersuchungsergebnissen auswählen, nicht die korrekten Merkmale zu einem vorgegebenen Befund.
    Umkehrung der Fragenlogik (Bücking 2011)
    Übliche Fragestellung Gestaltung als Handlungssituation
    Wie viele AE (Astronomische Einheiten) ist der Uranus in etwa von der Erde entfernt?
    1. 1
    2. 2
    3. 5
    4. 10
    5. 20
    Die Mitarbeiterin einer Sternwarte versucht, einen Planeten unseres Sonnensystem zu identifizieren und misst bei dem beobachteten Objekt eine Entfernung von etwa 20 AE (Astronomische Einheiten).

    Um welchen Planeten handelt es sich?
    1. Merkur
    2. Venus
    3. Mars
    4. Jupiter
    5. Saturn
    6. Uranus
    7. Neptun
    8. Pluto
    9. Haumea
    10. Makemake
    11. Eris
    Klassische Form der Abfrage von Faktenwissen. Die Frage wurde in einen Kontext eingebunden und die Fragenlogik umgekehrt: zu einem Untersuchungsergebnis wird eine Analyse erwartet.
  • Passage-based-Questions: Präsentieren Sie für Verständnis und Anwendungsfragen zu analysierende Auschnitte aus (noch unbekannten) wissenschaftlichen Texten. Fragen dazu könnten lauten: „Welche Methode wird hier beschrieben?“, „Ist die hier getroffene Aussage unter den Rahmenbedingungen ... korrekt“ oder „Welche der folgenden im Text erwähnten Punkte weichen von der Darstellung in der Vorlesung ab?“.
    Analyse- und Verständnisfragen durch Verwendung praxisrelevanter oder wissenschaftlicher Texte und Beispiele (SQA 2007, übersetzt)
    Die Fibonacci-Folge ist durch das rekursive Bildungsgesetz definiert:



    Folgende Java Methode bzw. Funktion beabsichtigt eine Implementation dieses Gesetzes:

    				public static int fibonacci (int n) {
    					if (n == 0 || n == 1) {
    						return 1;
    					} else {
    						return fibonacci (n-1) + fibonacci (n-2);
    					}
    				}
    Welche der folgenden Aussagen bewertet diese Funktion am besten?
    1. Der Algorithmus liefert das korrekte Ergebnis und ist effizient.
    2. Der Algorithmus liefert das korrekte Ergebnis, ist aber ineffizient.
    3. Der Algorithmus liefert nicht das korrekte Ergebnis.
    4. Der Algorithmus schlägt fehl.
    Statt nach der Fibonacci-Folge direkt zu fragen (Faktenwissen), muss dessen Implementierung beurteilt werden (Anwendung und Analyse).
  • Antwortanalyse: Die Ebenen Anwendung und Analyse lassen sich eher erreichen, in dem nicht die Antwort zu einer Frage gegeben werden muss, sondern eine gezeigte Antwort auf eben diese Frage beurteilt werden soll. Typische Fragen dazu wären:
    • Ist die Antwort korrekt?
    • Ist der Lösungsansatz korrekt / adäquat?
    • Ist die Reihenfolge der Lösungsschritte korrekt?
    • Wurden alle Merkmale genannt?
    • Bei welchem Prozessschritt wurde ein Fehler gemacht?
    Bewertung von Antworten statt Rekapitulation von Fakten oder Prozeduren
    (Quelle: Mathematik Einstufungstest der Universität Bremen, modifiziert)
    Ein Schüler, der die Aufgabe hatte, zu Übungszwecken die Gleichung x=3 mehrfach umzuformen, präsentiert ihnen folgendes, offensichtlich falsches Ergebnis und fragt Sie um Rat.

    1x = 3
    23x = 9
    33x - x2 = 9 - x2
    4x(3 - x) = (3-x) (3 + x)
    5x = 3 + x
    60 = 3

    Bei welchem Umformungsschritt ist hier ein Fehler gemacht worden?
    1. von 1 zu 2
    2. von 2 zu 3
    3. von 3 zu 4
    4. von 4 zu 5
    5. von 5 zu 6
    Trotz Antwortwahlverfahren erfordert eine korrekte Antwort mathematisches Anwendungswissen.


    Bewertung einer gegebenen Antwort statt Rekapitulation von Fakten oder Prozeduren (Carneson et al. 1996)
    A student was asked the following question: "Briefly list and explain the various stages of the creative process".
    As an answer, this student wrote the following:
    "The creative process is believed to take place in five stages, in the following order:
    ORIENTATION, when the problem must be identified and defined,
    PREPARATION, when all the possible information about the problem is collected,
    INCUBATION, when there is a period where no solution seems in sight and the person is often busy with other tasks,
    ILLUMINATION, when the person experiences a general idea of how to arrive at a solution to the problem, and finally
    VERIFICATION, when the person determines whether the solution is the right one for the problem."

    How would you judge this student's answer?
    1. EXCELLENT (all stages correct in the right order with clear and correct explanations)
    2. GOOD (all stages correct in the right order, but the explanations are not as clear as they should be).
    3. MEDIOCRE (one or two stages are missing OR the stages are in the wrong order, OR the explanations are not clear OR the explanations are irrelevant)
    4. UNACCEPTABLE (more than two stages are missing AND the order is incorrect AND the explanations are not clear AND/OR they are irrelevant)
  • Transferfragen: Verwenden Sie möglichst analoge Beispiele, anstatt auf bereits bekannte Fragen und Abbildungen aus Skripten, Foliensätzen und Tutorien zurückzugreifen. Sollen Inhalte direkt übernommen werden, transformieren sie grafische Beispiele aus der Vorlesung in Textfragen und umgekehrt. Modifizieren sie ggf. Illustrationen, um ein reines Wiedererkennen von Auswendiggelerntem zu verhindern.
    Prüfen von Verständnis durch Transformation der präsentierten Fakten in ein anderes Format
    (Prof. Lutz Mädler, Universität Bremen, E-Klausur Verfahrenstechnik)
    Abbildung im Skript zum Thema „Durchströmte Schüttung und Wirbelschicht“


    Aufgabe in der Klausur:

    Der Druckverlust einer durchströmten Wirbelschicht lässt sich in drei Bereichen mit den Abhängigkeiten von der Leerrohrgeschwindigkeit v wie folgt kennzeichnen:
    Festbett Δp ~ vx x= -2, -1, 0, 1, 2
    Fließbett Δp ~ vx x= -2, -1, 0, 1, 2
    Förderung Δp ~ vx x= -2, -1, 0, 1, 2
    Durch die Transformation einer in den Vorlesungsfolien grafisch präsentierten Information in eine Textfrage wird eher Verständnis als Faktenwissen geprüft. Reines Auswendiglernen und Mustererkennung führt nicht zum Erfolg.
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